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Gehaltsunterschiede bis zu 50 Prozent

Der aktuelle Arbeitnehmermarkt lässt die Ingenieurgehälter nicht nur steigen, sondern »in vielen Bereichen geradezu explodieren«, berichtet Personalberaterin Renate Schuh-Eder. In Sachen Gehaltsstrukturen stünde aktuell »kein Stein mehr auf dem anderen«. Was weniger an der hohen Inflation (Gehalts-Coach Claudia Kimich: »Niemals als Grund für den Wunsch nach mehr Gehalt anführen!«) als an der hohen Nachfrage nach Ingenieuren liege.

Das äußere sich z. B. darin, dass für vergleichbare Ingenieurpositionen die Gehaltsunterschiede inzwischen bis zu 50 Prozent betragen würden. Konzern oder Mittelstand, IG-Metall-Tarif und Region spielen dabei eine zentrale Rolle. Oft sei es aber auch die reine Not, manche Stellen überhaupt besetzen zu können, so Schuh-Eder. Was manche Unternehmen in München dann ohne Zögern zu zahlen bereit sind, lässt kleinere, inhabergeführte Spezialisten im ländlichen Raum oft fassungslos zurück: Das sei doch nicht darstellbar, woher denn diese aktuellen Gehaltszahlen stammen würden, sei das überhaupt seriös?

Leider (aus Sicht dieser Unternehmen, Ingenieure freut’s) ja. Zwar hat es diese Unterschiede in
Deutschland – umrissen an einem Süd-Nord- und einem West-Ost-Gefälle – immer schon gegeben.


Doch der wieder auf Hochtouren laufende Jobmotor für Ingenieure hat zu einem Aufschaukeln bisher ungekannten Ausmaßes geführt: Noch nie, meldet der VDI, habe die Zahl der offenen Stellen für Ingenieure so hoch gelegen wie heute, Rekordwert seit Beginn der eigenen Aufzeichnungen mittels des VDI-/IW-Ingenieurmonitors. Das birgt Zündstoff in den Belegschaften, denn »womit begründet man, dass neue Mitarbeiter so viel mehr Geld für gleiche Arbeit erhalten als Mitarbeiter mit langer Betriebszugehörigkeit?«, fasst Schuh-Eder die Sorgen zusammen, die Personaler gerade plagen.


So konstatiert auch Personalberater Thomas Hegger, wie auch Schuh-Eder im VDE-Ausschuss
Studium, Beruf und Gesellschaft aktiv, »deutlich gestiegene« Gehälter in den letzten Jahren. »Die Kandidaten wissen, dass sie in einer guten Verhandlungsposition sind.« 40.000 Euro Einstiegsgehalt für Ingenieure frisch von der Uni? Da muss man lange zurückgehen. »Die
Einstiegsgehälter in Süddeutschland, Hessen und NRW bewegen sich inzwischen in einer Größenordnung von 65.000 bis 70.000 Euro bei Unternehmen, die nach Tarif zahlen. Nach drei Jahren und Erreichen des Endes der Tarifgruppe liegen die Gehälter dann bei ca. 80.000 Euro«, weiß er.


Am anderen Ende Deutschlands, in Berlin, liegen die Einstiegsgehälter für Ingenieure hingegen aktuell bei »nur« rund 55.000 Euro im Mittelstand ohne Tarifbindung, was die Bandbreite deutlich macht und auch das Problem: Wie können sich auch Mittelständler aus der Region ein genügend großes Stück vom Kuchen abschneiden? Schon hat der VDI auf der Hannover-Messe ein Pressegespräch angekündigt, das den bangen Titel trägt, ob der »Bremsklotz Fachkräftemangel« gar das Zeug dazu habe, die Energiewende scheitern zu lassen.

Welche Profile unter den Ingenieuren mit am meisten verdienen, weiß etwa Experte Markus Rosemeier, Head of Engineering und C&P bei Hays. Er vermittelt Fach- und Führungskräfte in Festanstellung. Mit einem Team von 70 Consultants und Recruitern füllt er bei Kundenunternehmen die Vakanzen. »Die höchsten Gehälter werden für die Positionen der Software-/Hardwarearchitekten sowie für Team- und Projektleiter aufgerufen«, sagt er. Und bestätigt, was auch seine Beraterkollegen zum Gehaltsgefüge sagen: Ost oder West, tarifgebunden oder nicht, Konzern oder Mittelständler bestimmen das Gehalt. Vor allem Embedded-Software-Entwickler verdienen seiner Erfahrung nach überdurchschnittlich gut, abhängig von Qualifikation, Berufserfahrung und Größe des Unternehmens. »Das Einstiegsgehalt der Jobs für Entwickler liegt bei etwa 50.000 Euro brutto imJahr. Bei Jobs mit mehr Verantwortung für die Softwareentwicklung kann das Gehalt höher ausfallen. Durchschnittlich verdienen die Programmierer in Deutschland knapp 80.000 brutto im Jahr. Erfahrene Senior-Embedded-Software-Entwickler erreichen ein Jahresbruttogehalt von bis zu 95.000 Euro«, weiß er. Bei Jobwechsel sind Gehaltssteigerungen von 10 bis 15 Prozent üblich.
Der entscheidende Faktor sei freilich die Unternehmensgröße, so Thomas Hegger.

Einstiegsgehälter von 65.000 bis 70.000 Euro seien »für KMU nicht mehr darstellbar. Selbst große Unternehmen mit einer Mitarbeiterzahl im vierstelligen Bereich sind nicht bereit, diese Einstiegsgehälter zu zahlen«. Schon gar nicht in Ostdeutschland, wenngleich Industrieansiedlungen wie Tesla bei Berlin oder Intel in Magdeburg aus Heggers Sicht »dazu führen werden, dass die Gehälter deutlich steigen und sich somit die Gehälter im Vergleich Ost-West bzw. Ost-Süd angleichen werden«. Aber kann man sich als Mittelständler den gestiegenen Gehaltsforderungen überhaupt verweigern? Hat man denn eine Wahl angesichts des engen Arbeitsmarktes? »Für KMU wird es eine Herausforderung sein, neue (also ggf.
viel höher bezahlte, die Red.) Mitarbeiter in die vorhandene Gehaltsstruktur zu integrieren. Die Unternehmen müssen daher eigentlich ihre Gehaltsstruktur nach oben ziehen, um die eigenen Mitarbeiter zu halten und attraktiv für neue zu werden«, sagt Hegger. Der Markt habe zuletzt gezeigt, dass Ingenieure in Entwicklung und Vertrieb durch einen Jobwechsel ihr Gehalt um bis zu 30 Prozent haben steigern können, berichtet der Berater.


»Hintergrund dabei war in der Regel, dass der bisherige Arbeitgeber eher klein war und die Gehaltssteigerungen in den letzten Jahren gering ausgefallen sind.«
Für Renate Schuh-Eder sind die Zeiten, »wo man nach Berufsjahren und -erfahrung bezahlt wird, definitiv vorbei«. Dass aber aktuell ausschließlich Angebot und Nachfrage den Markt zu bestimmen scheinen, sei auch keine Lösung, »weder für Arbeitgeber noch für Arbeitnehmer«. Aktuelle Gehaltsüberblicke hülfen auch nicht weiter, da in der Regel die Spannbreite zu groß sei: »Was hilft es, einen Median für einen EMEA-Vertriebsleiter von 250.000 Zieljahresgehalt
zu eruieren, wenn wir bei 150.000 beginnen und in der Spitze 600.000 haben? Wir können nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es braucht klare Faktoren.«

Oder eine Erweiterung des Blickwinkels über das Gehalt hinaus, auf Faktoren, die ebenfalls Einfluss auf die Zufriedenheit haben? Wie Unternehmens- und Führungskultur, Entwicklungsmöglichkeiten, grünes Image, Homeoffice, Arbeitszeiten und -Belastung sowie Freiräume und Entscheidungsbefugnisse? Thomas Hegger zumindest kann die aktuelle Spirale »auch nicht mehr so richtig nachvollziehen. »Letztlich unterstreicht es aber den Mangel, den wir an Ingenieuren haben.« Es werde kleineren Unternehmen wohl nichts anderes übrigbleiben,
als über Zusatzleistungen nachzudenken. Wie z. B. Homeoffice? Ein alter Hut, winkt Hegger ab: »Bei den Großen ist das eigentlich Standard. Auch Laptop und Handy sind kein Ersatz, wenn man anderweitig 1000 Euro netto mehr im Monat verdienen kann.«


Da Konzerne bei den absoluten Gehältern und bei Zusatzleistungen im Vorteil seien, könnten KMUs »wahrscheinlich nur mit den Aufgaben, einem Mehr an Verantwortung und dem ‚Familiären‘ punkten und dürfen den Abstand beim Gehalt nicht zu groß werden lassen«.
Die Demografie schlage jetzt endgültig durch – das trage zu den steigenden Gehältern bei. Hegger: »Wir kommen langsam an den Punkt, wo es zur Existenzbedrohung von kleineren und mittleren Unternehmen kommen kann, weil denen die Mitarbeiter abhanden kommen.«

 

Quelle: Markt&Technik, Ausgabe 20/2022 - zu finden in der Onlineversion (Titelseite und Seite 10f.)